100 Jahre von Höhr-Grenzhausen nach Hillscheid

Die Entstehung der Eisenbahnstrecke von Höhr-Grenzhausen nach Hillscheid

Am 30. Mai 1884 wurden die Eisenbahnstrecken von Engers über Siershahn nach Altenkirchen und Staffel nach Siershahn eröffnet.
Auch die Stichbahn vom Bahnhof Grenzau nach Höhr-Grenzhausen gehörte dazu. Sehr zum Leidwesen der Bevölkerung und der Industrie des Ortes Hillscheid wurde der Wunsch nach einer Weiterführung der Bahn zu diesem Zeitpunkt nicht erfüllt.
Hoffnung für die Gemeinde keimte auf, als Anfangs der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts das Projekt einer meterspurigen Kleinbahn von Vallendar nach Wirges mit Abzweig nach Hillscheid auftauchte. Dieses Projekt wurde schon 1895 genehmigt, jedoch die Nähe zur Brexbachtalbahn und fehlende Finanzierung ließen das Vorhaben scheitern. Verschiedene Eingaben anderer Orte sahen vielfach Streckenabwandlungen u.a. auch nach Montabaur vor. Vor allem die Finanzierung dieses Projektes verzögerte sich zusehends.

Im April 1896 trug Landrat Schmidt dem Regierungs-Präsidenten in Wiesbaden folgenden Bericht vor: „... für die etwa 1500 Seelen zählende Gemeinde Hillscheid, welche vorwiegend Thonindustrie betreibt, ist eine günstige Transportverbindung Lebensfrage. Es dürfte wenige Industrieorte geben, welche ähnlich ungünstige Verbindung haben. Sowohl zum Bezug des rohen Thones, wie zur Ablieferung der Thonwaren haben die Hillscheider mehrstündige Fahrten auf steilen Wegen zu machen. Es müssen immer zwei Wagen zusammen fahren, um sich bei dem Steigen gegenseitig Vorspann zu leisten. Daß bei diesem langsamen, theuren Transport die Hillscheider Thonindustrie nicht ihre Rechnung findet, ist selbstverständlich und hat bewirkt, daß die einst blühende wohlhabende Gemeinde sehr rasch niedergeht.

Die Keramische Industrie in Höhr, Grenzhausen und Grenzau entwickelte sich dank Bahnanschluß zu voller Blüte. In Hillscheid dagegen wurde die Existenz für die Krug- und Pfeifenbäcker schwierig. Das Kleinbahnprojekt endete als Teilstück der Coblenzer Straßenbahngesellschaft, welche von Vallendar nach Höhr-Grenzhausen führte und am 11. Mai 1907 dem Verkehr übergeben wurde.

Im März 1909 gab der Regierungspräsident in Wiesbaden bekannt, dem Wunsch zur Anlage eines Bahnhofes in Hillscheid stattzugeben. Der Bahnhof müsse auf der Höhe angelegt werden, aus Rücksicht auf den Weiterbau der Bahn nach Neuhäusel – Arenberg – Niederlahnstein. Im Mai dieses Jahres wird mit dem Bau der Strecke Grenzau - Hillscheid begonnen. Die Bauzeit der 7 km langen Strecke wird voraussichtlich 1 ¼ Jahre betragen. Die Landespolizeiliche Prüfung der Strecke Grenzau – Höhr-Grenzhausen – Hillscheid erfolgt am 12. Und 13. März.
Mit den Bauarbeiten wurde am 1. Juli 1909 begonnen.

 

 

Kopfbahnhof Höhr-Grenzhausen um 1900

 

Bauarbeiten am Bahnhof Höhr


Nachfolgend einige Nachrichten aus dem Kreisblatt des Uww:
„Die Neubaustrecke
Grenzau – Hillscheid wird tüchtig gefördert. Es sind dabei zwei Trockenbagger in Tätigkeit. Die Bahn folgt von Grenzau der alten Strecke, nur wird sie im unteren Theile höher gelegt, um die starke Steigung abzuschwächen. Kurz vor dem jetzigen Bahnhof Höhr-Grenzhausen wendet sie sich nach links und geht über die Höhe nach Hillscheid. Das Mühlbachtal überschreitet sie auf einem Viadukt, dessen mittlerer Bogen sich 40m über der Talsohle erhebt. Die Überführung wird aus Beton hergestellt“.(Der Viadukt besteht aus 5 Bogen, 4x 13 m + 1x 18 m lichte Weite Anm. des Verfassers.)

„An der Neubaustrecke der Grenzau – Hillscheider Bahn, hinter dem Lokschuppen am Bahnhof Höhr-Grenzhausen ist eine Baggermaschine zum Herauswerfen und Graben des Bodens in Tätigkeit welche Tagsüber Scharen von Neugierigen herbeilockt, da man hier derartiges noch nicht gesehen hat. Zu der schon seit einer Woche tätigen Baggermaschine ist heute eine zweite eingetroffen, welche sofort montiert und in Tätigkeit gesetzt wurde. Täglich sieht man eine Unmenge Zuschauer, welche voll Interesse dem rationellen Betrieb der Dampfbagger-Maschinen zusehen. Eine einzige Maschine ersetzt ca 70 Arbeiter."

Nach nur 19 monatiger Bauzeit fand die feierliche Einweihung der Eisenbahn am 31. Januar 1911 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt. Wenige Tage zuvor, am 25. Januar fand die landespolizeiliche Abnahme statt. Schließlich wurde die Strecke am 1. Februar 1911 dem öffentlichen Betrieb übergeben. (Quelle: Ortschronik)

Der alte Bahnhof Höhr-Grenzhausen war ein Kopfbahnhof ohne Möglichkeit zum Weiterbau. Darum wurde der Höhrer Bahnhof verlegt, bzw. Gleisanlagen und Gebäude neu erbaut. Die vorher in Höhr-Grenzhausen befindliche Lokstation, 2 ständiger Lokschuppen, wurde nach Hillscheid verlegt. Die Strecke sollte in einem weiteren Projekt bis nach Neuhäusel weitergeführt werden, was aber letztlich unterblieb.
Im Eröffnungsjahr der Bahnlinie wurde direkt am Bahnhof eine Schamottefabrik gebaut. Die Anlieferung wurde mit einer 1200 m langen Drahtseilbahn von der Tongrube Krebshohl bewältigt.

 
Transport einer Baulok nach Hillscheid   Bahndamm-Aufschüttung und Arbeiterkolonne


Westerwald Führer 1913 vom Westerwald-Klub von E. Heyn – Marienberg (Original im Archiv des Autors)

Vom Bahnhof Grenzau geht die Fahrt aufwärts, vorbei an der Untermühle und Obermühle wird weiter oben das Farbwerk in Grenzhausen sichtbar. Nach Überwindung der höchsten Steigung 1:50 erreichen wir Bahnhof Höhr-Grenzhausen (km 2,6/ 269,4 m, 4000 E.) Durch das Fehrbachtal an der Chaussee Vallendar-Selters, mit der elektrischen Bahn nach Vallendar verbunden.

Höhr ist der bedeutendste Industrieort im Unterwesterwaldkreis. 35 Fabriken für gewöhnliches (graues) Steinzeug, 7 für feinere, verzierte Steinzeug- und reich vergoldete und gemalte Steingutwaren (Elfenbein), 3 für röhren und 6 für Ton- und Holzpfeifen, in welchen 1000 Arbeiter jährlich gegen 100.000 Zentner Ton verarbeiten. außer den Zinngießereien und Malereien der Steingutfabriken bestehen noch 4 selbständige Zinngießereien, 1 Glas- und Porzellanmalerei, 4 Korkschneidereien, 2 große und 2 kleine Zigarrenfabriken, 4 Großhandlungen für Apothekerutensilien und Korkstopfen und 1 für Devotionalien. An Dampfmaschinen und Motoren sind ca. 130 Motore im Einsatz.

Grenzhausen (287 m, 2000 E.) Eisenbahnstation Höhr-Grenzhausen, Endstation der elektrischen Straßenbahn Coblenz-Vallendar-Grenzhausen. Schon seit Jahrhunderten blüht hier die Tonindustrie. Haushaltungsgeschirre, Bierkrüge, Steinzeuggegenstände, werden in zahlreichen Betrieben hergestellt. Ferner Branntweinbrennereien und Hefefabrikation, Korkstopfenfabrik, Farbenfabrik, Fabrik feuer- und säurefester Produkte. Bedeutender Hopfenanbau von 1200-1500 Zentner jährlich. Die Bahn steigt 1:50, überschreitet das Kyllbachtal auf einem 90m langen und 30 m hohen Viadukt (aus gestampftem Beton) und endet im Bahnhof Hillscheid (km 6,7/ 317 m, 1500 E.) Hillscheid ist alter Töpferort des Krug- und Kannenbäckerlandes mit 24 Krugfabriken, die jährlich gegen 2 Millionen Mineralwasserkrüge an die fiskalischen Brunnen in Ems liefern.

 
Viadukt im Bau mit Lehrgerüst   BR 74 mit Langenschwalbachern


1924
verkehrten 7 ½  Zugpaare von Grenzau nach Hillscheid und 3 Zugpaare endeten in Höhr-Grenzhausen. Der letzte Zug blieb in Hillscheid an 20:55 Uhr und begann frühmorgens 5:36 seine erste Fahrt nach Grenzau. 1937 sind es 13 Zugpaare, ebenso 1950.

Die Lokstation Hillscheid.
Dem Eröffnungszug war eine T 3 (BR 89) vorgespannt, um die Jahrhundertwende war die T9³ (BR 91³) im Westerwald unterwegs, später kamen die T 16.1  (BR 94) und T14.1 (BR93) , wobei letztere die Hauptlast  im Güterverkehr bewältigt haben. Bei Merzhäuser/Wenzel taucht  sogar im Jahre 1935 die 74.1015 im Lokbahnhof Hillscheid auf. Letztere ist auch auf einem alten Foto auf dem Viadukt zu erkennen (siehe oben).
Mitte der fünfziger Jahre lösten die Schienenbusse VT 95 und VT 98 die lokbespannten Züge ab. Die Schienenbusse bewältigten den Personen-verkehr bis zur Einstellung des Betriebes.
Als Besonderheit sind im Personenzugdienst die Langenschwalbacher zu erwähnen, einige Fotos belegen die Verwendung dieser besonderen Bauart auf dieser Strecke. Stationierung etwa um 1920 – 1950. Noch Mitte der 50er Jahre gab es diese bei den Fahrgästen sehr beliebten Wagen.

 
Festliche Einweihung im Bahnhof Hillscheid am 31.1.1911   Hillscheider Bürger und die erste Fahrkarte vom 1.2.1911
     
 
Personenzug im Bf Hillscheid   Arbeiterwochenkarte


Über fünfzig Jahre ist die Bahn das Verkehrsmittel Nr.1
Im Personenverkehr waren 1954 (Sommerfahrplan) auf der Stichbahn 7 Zugpaare  unterwegs. Im Winterfahrplan von 1964/65 nur noch deren 4. Der Bahnbus übernahm einen Großteil der Fahrten von Hillscheid nach Grenzau. Schon 1956 wurde der Lokschuppen abgerissen.

Im Jahre 1968 untersuchte die Bundesbahndirektion Mainz die Wirtschaftlichkeit der Verlagerung des Reiseverkehrs von der Schiene auf die Straße und die Einstellung des Güterzugbetriebes auf dieser Teilstrecke. Die Entwicklung des Güterverkehrs beim Bahnhof Hillscheid ist stark rückläufig; so ist die Zahl der Wagenladungen im Versand von 1075 im Jahre 1960 auf 21 im Jahre 1967 und im Empfang von 297 im Jahre 1960 auf 28 im Jahre 1967 zurückgegangen. Nur noch Kleinloks wie die Köf II reichten für die Bereitstellung der wenigen Wagen für Stückgut aus.

Am 1.Oktober 1972 wurde der Personenverkehr zwischen Grenzau und Hillscheid, der Güterverkehr von Höhr-Grenzhausen nach Hillscheid eingestellt. Die Schließung der Tongrube und der Schamottefabrik in Hillscheid dürften für den Rückgang der Wagenladungen verantwortlich sein, zudem machte der zunehmende Individualverkehr auf den Straßen der Bahn das Leben schwer, im Personenverkehr mehr noch als im Güterverkehr.

Anfang der 60er Jahre 1961 und 1962 wurden Arbeiten am Oberbau durchgeführt, die rund 400.000 DM betragen haben. Wenige Jahre zuvor, 1957 gab es ein neues Einfahrsignal, Gleissperren, Signalmittel, Signalleitung mit 7500 DM Kosten.
Im August 1975 wurde der Streckenrückbau bis kurz vor Bahnhof Höhr-Grenzhausen durchgeführt. Einen Teil der Streckenführung wird noch als Ausziehgleis, unter der Straßenüberführung, genutzt.

Streckenabbau Höhr-Grenzhausen – Hillscheid und Bf Hillscheid.
Die meisten Berichte über Eisenbahnstrecken enden mit dem letzten Betriebstag, in diesem Falle gibt es noch Unterlagen vom Streckenabbau mit dem dazugehörigen Briefwechsel der beteiligten Bahnbehörden. Die ehemalige Trasse wurde zum gut frequentierten Rad- und Wanderweg zwischen Höhr und Hillscheid ausgebaut. Daneben entsteht zur Zeit eine Umgehungsstraße nach Hillscheid, welche den starken Verkehr in der Höhrer Innenstadt entlasten soll.Die Gleisanlagen am Bahnhof Höhr sind auch längst Geschichte. Für die Umgehungsstraße wurden die Gleise der Stichbahn entfernt, am Empfangsgebäude rauscht demnächst der Straßenverkehr vorbei. Die Strecke endet heute in der Nähe der Industrieanlagen Steuler.

 
Abbauzug bei der Steuler-Fabrik   Abbauzug mit Dampfkran
 
Zwei Dampfkräne mit Gleisstück   Dampfkran mit Gleisstück

Historische Fotos von der Bauzeit bis zur Eröffnung von Heribert Fries () aus Höhr-Grenzhausen und vom Pfarramt Hillscheid. Fotos vom Abbau von Anton Jüptner () aus Siershahn, ursprünglich Farbdias, hier passend zu den anderen Fotos in schwarz-weiß. Leider gab/gibt es nur wenige Bilder aus der 60-jährigen Betriebszeit.

Literatur: Ortschronik Hillscheid, diverse Ausgaben Kreisblatt des Unterwesterwaldes, Westerwald-Führer, Eisenbahn im Westerwald EK 1996
Beitrag erstellt im Juli 2011    

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